Gedankenrausch

Oktober 2, 2009 at 8:49 pm (Leben, Prosa) (, , , , , , , , , , , , , , , , , , , )

Dort sitzt er also. Okay, eigentlich hängt er mehr. Den einen Arm an die geflieste Wand, um sich horizontal in einer stabilen Lage zu befinden und den anderen Unterarm auf dem Oberschenkel, um einfach nicht vorn über zu kippen. Es wirkt eigentlich recht lässig. Zumindest, wenn man außer Acht lässt, dass er gerade auf der Toilette sitzt, mit herunter gelassenen Hosen. Ach ja, den Deckel auf zu klappen hat Tom auch vergessen.

Ein alter Freund hatte ihn vor drei Tagen zu sich eingeladen: „Wird ’ne große Party, Tom! Komm doch auch und bring ruhig ’ne Begleitung mit“, tönte dieser und drückte ihm gleichzeitig einen kleinen Flyer in die Hand, der sich so abgenutzt anfühlte, wie er aussah. ‚HOUSEPARTY‘ stand darauf und wirkte eher hastig, wie auf einem kleinen Post-It, geschrieben und weniger wie ein Flyer. Darunter fand sich auch die Adresse, Name und alles was man halt so brauchte, um die schallende Musik, die wahrscheinlich die ganze Straße für diese eine Nacht wach halten würde, zu finden.

Jetzt ist Tom also hier. Er ist eigentlich weder der Typ Mann, der gerne in Clubs oder Diskotheken herum hängt, noch gefällt ihm House-Musik sonderlich gut. Nichtsdestotrotz ist Tom zufrieden und froh, nach langer Zeit einmal wieder mit Leuten aus seiner einstigen Schullaufbahn reden zu können. Und sogar eine Begleitung hat er dabei: Harry, der sich gerade, da es kein Buffet gibt, durch die Bar frisst. Wobei ‚Fressen‘ hier wohl stellvertretend dafür steht, dass Harry das komplette Angebot an alkoholischen Getränken probiert und sämtliche Shots in einer ‚doppelten Ausführung‘ verlangt. Tom merkt erst jetzt, wie sehr Harry – erpicht auf seine Unabhängigkeit und Freiheit – doch eigentlich von seinen Eltern, beide Bürohengste irgendwo in einem Amt, beeinflusst wurde. Wer bestellt schon ‚in doppelter Ausführung‘?

Während Harry sich also durch die Getränkekarte schlemmt, sitzt Tom auf dem Klo. Vollkommen fertig und verwundert, wieso er schon nach fünf Bier, drei Vodka-Cola und einem Long Island total dicht auf einer Toilette sitzt und Harry währenddessen die Karte von unten nach oben begutachtet – sprich, alles noch einmal bestellt. Er ist von sich selbst mehr als überrascht, dass er nicht einmal mehr annähernd soviel verträgt wie früher. Hatte ihm irgendwer irgendetwas in den Drink geschüttet? Nein, das kann nicht sein, überlegt er, während sich – seiner Meinung nach – der Boden, wankend wie Wackelpudding, behäbig zu bewegen schien. Er versucht dagegen an zu kämpfen indem er aufsteht, weiterhin mit einer Hand an der Wand, an der er sich schon fest krallen will, mit der anderen Hand nach der Hose greifend, um sich selbige wieder hochzuziehen. Kurz nachdem er den Gürtel mit einem ‚Klack‘ geschlossen hat, steht er da und spürt, wie sich etwas in ihm gegen den Plan, dem Boden keine weitere Beachtung mehr zu schenken, sträubt und für Rebellion sorgt.

Noch im selben Moment dreht sich Tom um, reißt den Klodeckel auf und beginnt zu erbrechen.

Schnell lässt Tom noch einmal Mittagessen und Abendbrot Revue passieren, was sich allerdings im Bruchteil einer Sekunde erledigt hat, als er eine Viertel Spaghetti im bräunlich-roten Brei schwimmen sieht.

Er erinnert sich auch daran, wie gut die Nudeln mit Tomatensoße schmeckten, wie er sich eine zweite Portion aufgemacht hatte und trotz des Mindesthaltbarkeitsdatums, welches ungefähr 3 Monate überschritten war, den Pamesan in rauen Mengen über beide Portionen verteilte. Einfach lecker. Oder vielleicht auch nicht. Toms Gedanken springen zum Nachtisch, als eine Zweite Ladung ihren Weg in die Toilettenschüssel finden soll und dies unter lauten Würgegeräuschen auch schafft. Harry hatte einmal Tiramisu gekauft und auch hiervon hatte Tom sich eine große Portion als Dessert genommen. Nachdem er alles verputzt hatte, meinte Harry noch „Ich hatte ganz vergessen, dass ich mal Tiramisu gekauft habe“ – und wenn Harry meint er hätte „ganz vergessen“, dann meint er auch, er hat etwas vollkommen vergessen. Trotzdem ließ sich Tom nicht beirren und bis vor wenigen Minuten, ging es ihm ja auch noch recht gut.

Nachdem auch noch eine scheinbar vierte Speise, leicht schokoladenfarbig und eine Fünfte, wie Geisterfahrer auf seinem Verdauungshighway, in die falsche Richtung donnerten, fühlt sich Tom ein wenig ausgelaugt und schwach. Er ist kein Held, das weiß er jetzt. Gut, er wusste es eigentlich schon immer. Er war immer nur durchschnittlich, doch den Traum von einer überdurchschnittlich guten Leber wurde ihm nun auch kaputt gemacht.

Tom der Antiheld liegt nun mehr auf dem Klo, als er davor hockt und fühlt sich, als würde er jeden Augenblick den Löffel abgeben müssen. Es sind solche Momente, in denen im Kopf eines jedem Menschen, der kleine Philosoph ausbricht und man noch einmal über sein vergangenes Leben sinniert. Auch Tom fragt sich, was er bisher erreicht und was es alles gebracht hat.

Er fängt an über seine Ex-Freundinnen nachzudenken.

Seine erste Freundin, die er hatte, als er noch nicht einmal 18 Jahre alt war und die ihn seit der Trennung nur noch ‚Bastard‘ nennt, oder – noch intelligenter – als ‚du Sohn deiner Mutter‘ beschimpft. Selbst jetzt, wo er sich ausgesprochen beschissen fühlt, erheitert ihn der Gedanke an diese kläglich gescheiterten Beleidigungen und hilft, die, mit Kotze versehenen, Mundwinkel nach oben zu ziehen, was ihm ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

Mit seiner zweiten Freundin lief es dagegen durchaus besser, allerdings haben sich die beiden mit der Zeit zu sehr auseinander gelebt und reden nun nicht mehr wirklich miteinander.

Die dritte Freundin war laut Aussagen von Harry, Harrys Freundin und allen anderen Mitmenschen um Tom, eigentlich perfekt. Auch Tom weiß nicht mehr wirklich, wieso er sich letztendlich von ihr getrennt hatte.

Nach seiner dritten Freundin dachte sich Tom, er müsste eventuell mal etwas neues probieren und fand daraufhin ein ziemlich sympathisches Mädchen, mit dem er sich auch wundervoll unterhielt. Sie wurde nach einigen Monaten seine vierte Freundin und es schien auch ganz gut zu laufen.

Mit der Zeit jedoch merkte Tom, dass ihm etwas an ihr missfiel. Er weiß nicht mehr genau, ob es einfach nur Neid beziehungsweise Eifersucht war und er sie einfach nur für sich wollte, oder etwas anderes. Auch wenn sie keine Geheimnisse voreinander hatten und er wusste, dass sie beruflich für Geld mit anderen Kerlen schläft, gab es etwas, das ihn störte. War es einfach nur der Fakt, dass sie eine Prostituierte war? Tom wusste es nicht genau, denn immerhin ging ja alles ein halbes Jahr gut und sie hatte ihm auch schon zu Beginn – quasi direkt als erstes Geständnis – erzählt, dass sie eine Hure ist.

Je mehr Tom darüber nachdachte, desto schneller dreht sich alles, bis sein Magen laut ‚STO*P!‘ schrie und er wieder würgte.

Nachdem er allerdings schon so gut wie leer und ausgelutscht war, gab es nicht wirklich mehr, was es lohnte zu erbrechen und so würgte Tom einfach nur noch einige Male und spuckte ein wenig in die Toilette, wo sich sein Speichel mit dem Brei vermischte.

Plötzlich springt die Tür auf und eine ihm sehr bekannte Stimme tritt neben ihm: „Ich hab meinen Namen gehört?“

Harry greift Tom unter die Arme und hilft ihm beim Aufstehen, das ganze jedoch nicht ohne obligatorische, ironische Kommentare wie etwa „Wow! Respekt. Das ganze Mittagessen. Ich hätte dir einen Teller hinstellen sollen, dann könnten wir es uns in der Mikrowelle warm machen…“

Das sein Freund auch gut dabei ist und leicht torkelt, merkt Tom sofort, lässt sich davon aber nicht beirren und legt seinen Arm über Harrys Schulter.

Mit den Worten ‚Lass uns lieber abhauen…‘ verlassen Harry und Tom, schwankend – als bewege sich der Boden wie Wackelpudding – das Badezimmer.

inspiriert von „Helden, Huren, Bastarde“ (eine multimediale Lesung)

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