Mono – Eine Kurzgeschichte

September 4, 2009 at 1:00 am (Leben, Prosa) (, , , , , , , , , , , )

Im Licht der Straßenlaterne wirkt der Schatten im Gesicht des jungen Radfahrers, wie eine dieser Mono-Augenbrauen.  Regen fällt. der Asphalt glänzt und Tom auf seinem Rennrad bremst.

Scheiß Regen. Tom versucht seine Gedanken im vom Radfahren abgekühlten Kopf zu sammeln, gleichzeitig pumpt sein Herz unaufhörlich Blut durch seinen Hals in die Adern, die seinen Kopf umgaben. Es pocht ein wenig und Tom ist außer Atem, stellt sein Fahrrad in den Ständer, schließt ab und betritt den Hausflur.

Dass seine Gedanken gerade um einen Karibikurlaub kreisen, hat nichts damit zu tun, dass Tom gerade gerne in der Südsee wäre. Nein, irgendwann einmal hat ein Sprayer in den Hausflur des Blocks eine Palmenlandschaft und einen Sandstrand gezaubert. Zwei Schritte weiter hört der Traum jedoch auf und pitschnass streift Tom sich die Sneakers auf dem Metallgitter ab und schließt die Tür zu seiner Wohnung auf. Die WG in die er eintritt ist üppig eingerichtet: Auf dem Flur der Wohnung steht der Schrank seiner Großmutter, vor 2 Jahren verstorben und eigentlich sollte dieser Schrank in seinem Zimmer stehen. Da ist aber kein Platz mehr.

„Hallo! Auch schon wieder zu Hause?!“ wird Tom von seinem Mitbewohner Harry begrüßt, ohne das dieser auch nur annähernd seine Stimmbänder zur Vibration bringt. Stattdessen pustet ihm Harry eine Rauchwolke entgegen die es in sich hat. Hustend öffnet Tom das Fenster und entgegent „Ja, freue mich auch dich zu sehen Harry“, wobei der mehr als ironische Unterton schon beinahe wie ein Backstein auf Harrys Ohren trifft.

Die beiden kennen sich nun schon seit Jahren, haben quasi den Kindergarten des Studierens gemeinsam bestritten und leben jetzt hier in einer manchmal parasitären, aber oft symbiotischen WG-Beziehung miteinander. Harry kann am besten mit den Worten „Trinkt viel, raucht viel, isst viel.“ beschrieben werden und trotzdem hat er seit zwei Jahren eine Freundin die Tom wunder- und humorvoll findet. Tom indes hat seit drei Jahren keine Freundin mehr gehabt und auch sonst –  sowohl verbal als auch anderweitig –  wenig Verkehr mit den Wesen des anderen Geschlechts.

Irgendwo an Harrys Kopf findet man seinen kleinen Drang cool zu wirken, oder auch nur der zwanghafte Versuch davon. Er hatte sich vor einiger Zeit, natürlich für seine Freundin, ein Herz auf den Hinterkopf einfärben lassen. Rot. Auf sein sonst so blondes Haupthaar.

Man merkte, dass diese Investition schon vor einiger Zeit getätigt wurde denn inzwischen wuchs sein Haar unaufhörlich und aus dem Herzen wurde zunehmend ein Klops, oder ein mehr und mehr kupferfarben und triefend erscheinendes Symbol der Liebe, welches wirkte, als wäre er schon mehrere Male unter Regen verwaschen worden. Jedes Mal wenn Tom es zu sehen bekam, quill in ihm die Frage empor „Du Harry, wann willst du wiedermal zum Friseur, dir dieses… ehrm… naja.. wann willst du dir wieder einmal die Haare schneiden lassen eigentlich?“

Am Kühlschrank, aus dem sich Tom ein stilles Wasser holen wollte, angekommen, entgegnete Harry ihm seine Frage mit dem gewohnten Raunen, welches alle Fragen abschmettern konnte, die ihm nicht gefallen, auf die er keine Antwort wusste, oder die er im Moment einfach nicht beantworten wollte.

Okay, vielleicht kam das Raunen aber auch von daher, dass Harry gerade hypnotisiert war. Also, nicht wirklich hypnotisiert, sondern eher gefangen in seinem eigenen Körper aufgrund von extra-terrestrischer Strahlung, ausgehend von dem alten Philips Fernsehgerät keine vier Meter von ihm entfernt.

Ohne auch nur zu zwinkern, oder zu blinzen, ja nicht einmal mit einer Bewegung seiner Augen, schaute Harry sich an, was auch immer gerade im Hartz-IV-TV-Himmel lief. Personen, also Gäste die kurz vorbei hätten kommen können, hätten denken können Harry ist Mitte 30 und arbeitslos. Dabei studierte er erst im siebten Semester. Tom wusste, was auch immer zu sehen war in diesem Zauberkasten, war entweder wirklich verdammt interessant, oder davon ging tatsächlich irgendeine außerirdische Kraft aus.

Und erst jetzt begann Tom den Ton des TV-Geräts zu bemerken und stellte erstaunt fest: ARTE. Harry zog sich ARTE rein. Okay. Nun gut, dachte Tom und wunderte sich ein wenig. Also doch Außerirdische.

„Was schaust’n du da?“ floss ihm in einem Schwall über die Lippen, als hätte er seine Backen mit Wasser gefüllt und nur darauf gewartet, alles auf einmal über seine Lippen auf jemanden ergießen zu können. Aus dem vorherigen Raunen wurde ein Zischen, ein „SHHHT!“ und Tom hielt sich die freie Hand schützend vor den Mund, aus Angst das Zischen könnte durch den Mund in ihn eindringen und würde ihn dann von innen heraus verprügeln.

Aus den Ohrenwinkeln heraus vernahm Tom Schüsse, die eindeutig von alten Wehrmachtsoffizieren stammten. Geschichtsstudium. Irgendwann macht sich doch alles bezahlt, dachte er sich und setzte sich neben den noch immer total verzauberten Harry. „Da schaust du einmal ARTE und alles was die zeigen ist wieder irgendein Müll über den Zweiten Weltkrieg?!“ maulte jetzt Tom, der bis jetzt eigentlich über den intellektuellen Sinneswandel seines Freundes begeistert war, aber so eben feststellen musste, dass der Sinneswandel irgendwie doch nicht sonderlich intellektuell war.

„Tut mir Leid, wir haben uns getäuscht, das Kind ist doch nicht von ihnen! Tja, passiert halt…“  So ungefähr wie Tom jetzt, musste sich ein Mann fühlen, der bisher dachte er habe neues Leben in die Welt gesetzt, dann aber im letzten Moment doch von Mutter Natur nur verarscht wurde.

„Sei ruhig“, raunte Harry wieder, „das is‘ grad voll spannend!“ Tom stellte derweil die Wasserflasche auf seinen Oberschenkel, um dann seinen Ellbogen auf den Hals der Flasche zu stemmen und seinen Kopf mit dem Arm abzustützen.  Naja, besser als ‚Frauentausch‘, dachte er sich und im Licht des Fernsehers wirkte der Schatten auf seinem Gesicht, als hätte er eine dieser bekannten Mono-Augenbrauen.

Harry saß indes noch immer gebannt vor dem Schusswechsel in Berlin, der auf ARTE zu sehen war, ganz so, als wäre der Fernseher erst vor 30 Minuten erfunden worden und er einer der ersten Menschen, die ihn benutzten.

inspiriert von „STROBO – Eine Lesung und Buchpräsentation“ (multimediale Lesung von Deef Pirmasens)

1 Kommentar

  1. emilia said,

    Wow…Das ist wirklich sehr „kurze“ Geschichte!Aber die ist sehr interessant für mich!Vielen Dank für die tolle Seite!😉

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