Karibiksommer

Juli 17, 2009 at 1:02 am (Leben, Prosa) (, , , , , , , , , , )

Sommer. Irgendwas um die 30 Grad macht sich in meiner Wohnung breit. Schleichend, mit der eindringenden Hitze verbunden, mach sich in mir die Schlussfolgerung breit „Das Leben is‘ wie ein Freund, der dich nur verarscht.“

Was war die letzten Jahre? Irgendwie nichts. Ich wurde eingeschult, hab mein Abitur gemacht, irgendwann ein Studium angefangen. Zwischen durch vielleicht noch Zivildienst oder Bundeswehr und dann ins Berufsleben. Was ist eigentlich aus dem kleinen Typen geworden? Der Junge, der mal Astronaut, Feuerwehrmann, oder irgendwas anderes werden wollte?

Desillusioniert. Das scheint wohl die Antwort zu sein.

Träume, davon gerollt, wie in einem außer Kontrolle geratenen Rhönrad, machen sich im Dunst der Zigarette breit. Ich find’s ja selbst prima das Abitur zu haben, ein fertiges Studium und jetzt ’nen Job. Aber, wieso bin ich kein Astronaut? Wieso bin ich eigentlich kein Feuerwehrmann? Wieso bin ich eigentlich nichts geworden, was ich damals immer sein wollte?!

So wirklich frei war ich auch noch nie, stelle ich erschrocken fest und huste den nächsten Zug am Glimmstängel beinahe aus. Irgendwie ist alles anders, als ich es immer geplant habe.

Warum plane ich eigentlich?! Bisher hat mir das doch noch nie was gebracht, oder?

Fragen über Fragen plagen meinen Kopf und zwischen all diesem philosophisch angehauchten Müll verirrt sich schreiendes, einstudiertes Gelächter aus irgendwelchen Sitcoms die gerade über den Fernsehbildschirm flimmern.

Warum bin ich kein Astronaut?! Okay, vielleicht etwas hoch gegriffen, aber wieso bin ich eigentlich kein Feuerwehrmann?

Rockstar! Ja! Bilder kommen in mir hoch, Aufnahmen von mir im Pyjama, wie ich als Fünfjähriger damals vor dem Fernseher stand und neben Micheal Jackson „Beat it“ auf meiner Plastik-Ukulele gezupft habe. Rockstar, das wäre ja wohl mindestens noch drin gewesen.

Aber nein, jetzt habe ich mein Abitur, ein Studium und einen Job. Alles Dinge, die man als Rockstar nicht braucht. Oder heutzutage für eine Musikkarriere wohl eher als überbewertet gelten.

„Wieso eigentlich kein Karibiksommer!?“ Meine Gedanken springen weiter, wie ein Kleinkind, in diesen mit Kreide gezeichneten Feldern, welche wie ein aufgeklappter Würfel sind und in denen man – nach einem bestimmten Muster – mit einem Bein durch hüpfen muss.

Karibiksommer. Das war das Letzte was ich meine Eltern bei meinem letzten Besuch in ihrer Wohnung gefragt hatte. Das war auch noch vor der Zeit, wo ein unsichtbarer Dritter sie in ihrem Rollstuhl durch die Gegend geschoben hat.

Zivildienst. „Mach dir nichts daraus!“ meinte ich zu ihm, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Hab ich auch durchgemacht. Neun Monate und du bist wieder frei. Oder warte. Neun Monate? Inzwischen hatte die Regierung sicherlich wieder was geändert. Wie jedes Mal, wenn die Koalition geändert wurde, maximal alle vier Jahre, meist schon früher. Halt so wie es der Regierung passte oder so, wie der Aufschrei und das Gejammer halt zu groß waren.

Zivildienst. Nein, danach bist du auch nicht frei, Junge. Aber irgendeinen Ansporn brauchst du ja.

Die Hitze war inzwischen unerträglich und brannte auf der Haut wie die Fragen in meinem Kopf? Warum ist der ‚Zivi‘ eigentlich nie Astronaut geworden?! Oder Feuerwehrmann? Oder Rockstar?

Hätte ich keinen Schweiß, der mich vor dem drohenden Austrocknen versucht zu schützen, so gut er kann, wäre ich jetzt schon zusammengeschrumpft wie ein Schnitzel, welches nur aus Ersatzstoffen bestünde. Ich gebe der Zigarette die Schuld und drücke sie im Aschenbecher unter dem tosenden Gelächter – mir gegenüber – aus.

Mist. Das war die Letzte. Klasse gemacht. Normalerweise planst du doch immer minutiös, wie viele Kippen du noch hast und jetzt stehst du da und hast noch nicht mal eine, die du rauchen kannst, wenn du auf dem Weg zum Kiosk bist. Was ist denn nur los?!

Astronauten rauchen nicht. Feuerwehrmänner auch nicht. Rockstars schon.

Apropos, die Nachbarn. Wenn ich’s geschickt anstelle und bei den Nachbarn klingele, geben dir mir eventuell ja noch ein oder zwei.

Eine merkwürdige Idee, wie ich feststelle, das letzte Mal als ich sie nach Zucker gefragt habe, wurde ich schon angesehen, als wäre ich eine Zitrone in die man gerade hinein gebissen hatte.

Sicherlich war es eine merkwürdige Idee, aber auch die einzige Möglichkeit, die Nacht bis zur Öffnung des „Kiosks um die Ecke“ zu überstehen. Zumindest ein wenig.

Ich hadere.

Nach zwei weiteren Bieren, klingelt und klopft es an der Tür der Nachbarn.

Zirkowski sagt das Namensschild und ein Bart mit Mann öffnet verwundert und fragt mich als-gleich wieso ich um 23 Uhr nachts noch nach Zucker fragen wolle.

Ich erkläre ihm meine Not und dass es gar nicht um Süßstoffe geht, sondern um Suchtstoffe anderer Art, genauer gesagt Zigaretten.

Er hebt, neben der Hand, mit der er sich am Hinterkopf kratzt, auch die Augenbraue und liefert mir das Bild, eines behaarten Affen, dem man eine Banane vorhält, sie ihm aber nicht überreicht.

Eigentlich bin ich der Affe und Herr Zirkowski hat die Bananen, also die Zigaretten. „Achso, ja Augenblick kurz“, meint er und dreht sich im Hemd so, dass das Licht wie auf einer Wasseroberfläche auf seinem Rücken spiegelt.

Es war wohl doch nicht die Zigarette, die für die Hitze in meiner Wohnung verantwortlich ist, schießt es mir durch den Kopf und Zirkowski entschließt sich doch noch ein paar Worte an mich zu richten: „Kenne das ja. Wenn ich auf der Feuerwache bin, gehen uns auch manchmal die Zigaretten aus und einer von uns geht dann rüber zum Plattenbau und schnorrt was.“

Mit einem Danke, was etwas angewidert und auch überrascht geklungen haben muss, entgegnet meine Hand der seinigen und ich habe plötzlich vier längliche, kleine Stängel in der Hand.

Herr Zirkowski ist Feuerwehrmann. Vollkommen perplex schließen sich die Tore zu all den Antworten der vergangenen Stunden vor meinen Augen und ich drehe um und betrete meine Wohnung.

Herr Zirkowski ist ein wohl proportionierter Mann in der Mitte seiner mittigsten fünfziger Jahre. Selbst sein Muskelshirt mit Feinripp glänzte aufgrund der unerträglichen Hitze des heutigen Abends, als wäre sein Rücken die vollkommen glatteste Oberfläche, die irgendein stehendes Gewässer zu bieten habe. Und Herr Zirkowski ist Feuerwehrmann.

Ich überlege, welche kausalen Zusammenhänge es geben könnte, was passiert sein muss, damit ein Kindheitstraum ausgelebt wird, aber dennoch irgendwie, durch in Paralleluniversen stattfindende Handlungen, rigoros zerstört wird.

Gleichzeitig zünde ich mir eine der Zigaretten an.

Karibiksommer. Den haben wir hier auch. Zirkowski scheint er nicht zu gefallen. Mir, dank Zirkowskis Rückseite, inzwischen auch nicht mehr.

Wieso bin ich eigentlich kein Astronaut oder Rockstar geworden?!

inspiriert von „Träume, Triebe, Trash“ (eine multimediale Lesung)

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